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Außenwirtschaftsseminar

„Die Briten wollen auf keinen Fall Versorgungsengpässe verursachen“

07.05.2019
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Am 5. Juni 2019 findet das Außenwirtschaftsseminar der Agrar- und Ernährungswirtschaft in Bonn statt. Thomas Pütter, Leiter Brexit Task Force bei der Nagel-Group | Kraftverkehr Nagel SE & Co. KG, wird als Experte an der Podiumsdiskussion zum Thema Brexit teilnehmen. Die Nagel-Group ist als führendes Speditionsunternehmen in der Lebensmittellogistik mit und in Großbritannien aktiv. Thomas Pütter berichtet in unserem Interview, welche Vorkehrungen das Unternehmen für einen weiterhin funktionierenden Warenverkehr getroffen hat und warum eine Zugehörigkeit zum europäischen Binnenmarkt nicht zu unterschätzen ist.

BVE: Wie war Ihre erste Reaktion zum Brexit? Und wie hat sich Ihre Einstellung im Laufe der Zeit verändert?

Thomas Pütter: Ich war vermutlich genauso überrascht wie alle anderen. Selbst die meisten unserer Mitarbeiter im Vereinigten Königreich (VK) haben mit diesem Ausgang des Referendums nicht gerechnet. Die ersten Monate nach dem Referendum waren für alle geprägt von „Verstehen, was Brexit bedeutet“ und welche Lösungsoptionen es von „WTO bis zum Norwegen-Modell“ geben könnte. Wir haben uns sehr früh mit dem „No Deal“ auseinandergesetzt. Schließlich ist dies ein Szenario, das sofortige und drastische Auswirkungen auf die Lieferketten hat und entsprechend gut vorbereitet sein muss.

BVE: Über den zukünftigen Handel mit Großbritannien nach dem Brexit wird viel diskutiert. Oft geht es dabei um Hypothesen oder Spekulationen, weil weiterhin kein Abkommen geschlossen werden konnte. Sie stellt dies vor eine enorme logistische Herausforderung. Welche Maßnahmen haben Sie unternommen, um einen möglichst reibungslosen Warenverkehr sicherzustellen?

Thomas Pütter: Der Brexit bedarf umfangreicher Vorbereitungen. Im ersten Schritt haben wir uns ein Bild davon machen müssen, wie mit der Situation umzugehen ist. Dafür haben wir umfassende Informationen über jedes mögliche Szenario zusammengetragen und Kontakte zu den Behörden, vor allem im UK, gehalten. Danach haben wir uns mit unseren Kunden intensiv ausgetauscht, um Sensibilität zu schaffen und um zu verstehen, wie sich Verlader und Handel vorbereiten. Gleichzeitig haben wir in den betroffenen Standorten der Nagel-Group den Ausbau der Zollsysteme und Zollschulungen vorangetrieben, haben eine eigene Zollabteilung in Dover eingerichtet und Kompetenzzentren definiert, an denen das Know-how für ein „No Deal“-Szenario gebündelt wurde. Um Kapazitäten bei Transporten über den Ärmelkanal sicherzustellen, haben wir mit unseren Transportunternehmern und Kanaldienstleistern Absprachen getroffen und uns sehr intensiv mit Alternativwegen zu der Straße von Dover befasst.

BVE: Wird sowohl von europäischer als auch von britischer Seite alles getan, um den Warenverkehr – gerade auch von verderblichen Gütern wie Lebensmittel – zu gewährleisten, selbst wenn ein Austritt ohne Abkommen eintreffen sollte?

Thomas Pütter: Die Briten haben von Beginn an betont, dass es einen reibungslosen Handel geben wird. Im Rahmen der Vorbereitungen hat man erkannt, wie die Infrastruktur und die Gegebenheiten im Markt für Zollabfertigungen, die Kompetenzen und die Mitarbeiterressourcen wirklich aussehen. Daher wurde bereits sehr früh „besonderer Pragmatismus“ kommuniziert. Die Briten wollen auf keinen Fall Versorgungsengpässe verursachen. Dieser Pragmatismus hat beim Import unter anderem zu vereinfachten Vorab-Erfassungssystemen mit Lkw-Kennzeichenabgleich und unkomplizierten Einfuhrumsatzsteuermeldungen geführt.
Auf europäischer Seite hat man sich lange weniger sichtbar auf den Brexit vorbereitet. Seit Januar erleben wir jedoch insbesondere in Frankreich, Belgien und Niederlande viele zielführende Maßnahmen. Zum Beispiel haben die französischen Behörden Kamerasysteme an den Hafenzufahrten installiert, die die Kennzeichen erfassen und über eine Datenbank mit Zollangaben abgleichen können. Da ist in wenigen Wochen sehr viel passiert.
Insofern macht uns der Weg zum VK aus rein technischer Sicht inzwischen wenig Kopfzerbrechen. Interessant wird vermutlich die Verkehrssituation auf dem Rückweg aus dem VK. Aufgrund der nicht vorhandenen separaten Fahrspuren für leere Fahrzeuge und der Verkehrsinfrastruktur in Südengland wird sich die Verkehrs- und Stausituation vermutlich nur sehr langsamer abwickeln lassen.

BVE: Wo müsste Ihrer Meinung nach am dringendsten für einen funktionierenden Handel von Lebensmitteln angesetzt werden?

Thomas Pütter: Der intensive Lebensmittelaustausch, wie wir ihn heute kennen, ist erst mit dem europäischen Binnenmarkt entstanden. Das bedeutet, dass auch nach dem Brexit so viel wie möglich davon erhalten bleiben müsste. Zum einen betrifft das die Zölle und deren Abwicklung. Zum anderen aber auch vielfältige Handelsregeln wie zum Beispiel die Notwendigkeit von Veterinärzertifikaten, gleiche Regeln für Verbraucherschutz oder die gegenseitige Anerkennung von Zulassungen.
All dies kostet viel Geld und schafft Komplexität. Die meisten Betriebe auf beiden Seiten sind allerdings klein- und mittelständische Unternehmen. Die bevorzugen natürlich attraktive Märkte mit einfachen und klaren Rahmenbedingungen.

BVE: Auch in Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es Parteien, die einen Ausstieg aus der Europäischen Union begrüßen würden. Der europäische Binnenmarkt ist für den Handel jedoch eine große Erleichterung. Was erwidern Sie Kritikern dieses Systems?

Thomas Pütter: Blicken Sie auf die Zeit des Wegfalls der Binnengrenzen 1992 zurück. Damals wurde ein Markt geschaffen, durch den wir alle ein anderes Leben führen können. Wir haben eine Produktvielfalt in Europa, die ihresgleichen sucht. Es ist selbstverständlich geworden, italienische oder ungarische Salami, französischen Käse, spanischen Schinken oder englisches Shortbread im Supermarkt zu finden. Die Länder und Menschen sind trotz aller regionalen Besonderheiten zusammengewachsen. Kleine und mittelständische Unternehmen konnten sich weiterentwickeln. Der vereinfachte Handel hat für alle zu einer wirtschaftlichen Entwicklung und Wohlstand geführt, die ohne die EU nicht denkbar gewesen wäre. Es stellt sich eher die Frage, wie wir die EU weiterentwickeln wollen, als dass wir das alles wieder aufgeben sollten.

BVE: Vielen Dank für das Interview, Herr Pütter!