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BVE-Regionalinitiative macht Lebensmittelhersteller in Berlin und Brandenburg fit für Nachhaltigkeit

Gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Brandenburg (WFBB) und dem Cluster...
10.10.2018, Berlin

BVE-Konjunkturreport Ernährungsindustrie 9-18

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Internationale Grüne Woche

Gemeinschaftschaftsauftritt Lebensmittelwirtschaft, Internationale Grüne Woche, 19.-28.1.2018, Berlin

„Wenn wir in nationale Kategorien verfallen, wird die Welt kleiner und ärmer“

09.10.2018
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BVE-Hauptgeschäftsführer Christoph Minhoff im Interview mit Agra-Europe (AgE) über die Vorteile des internationalen Handels für den Wohlstand des Einzelnen, die Bereitschaft der Branche an einer Reduktionsstrategie mitzuwirken und die Auswirkungen der Dürre.

AgE: Die diesjährige Dürre und ihre Folgen sind in aller Munde. Dabei werden auch Forderungen an die Lebensmittelwirtschaft laut, sich solidarisch mit den Erzeugern zu zeigen. Wie positionieren Sie sich dazu?

Minhoff: Der Begriff der Solidarität ist ja eigentlich in der Marktwirtschaft und zwischen den Marktteilnehmern eher ungebräuchlich. Die Verfügbarkeit von Produkten und Rohstoffen beziehungsweise deren Knappheit regelt sich in einer Marktwirtschaft in der Regel über den Preis. Das erwarte ich auch in diesem Jahr. Von politischer Seite wurde den Landwirten ja bereits maßvolle Unterstützung zugesagt. Solidarität mit unserer Landwirtschaft ist sicher richtig und notwendig. Denn wir sind uns doch selbstverständlich in Deutschland darüber einig, dass wir eine gut funktionierende Landwirtschaft brauchen. Die Ansprüche der Konsumenten werden größer. Sie fordern Nachhaltigkeit, Regionalität und Qualität. Die sollte auch weiterhin in einer Produktion in Deutschland stattfinden.

AgE: Wird es also zu deutlichen Preissteigerungen kommen?

Minhoff: Nun, die staatlichen Hilfen, so erwarten es die Bürger, sollten auch eine dämpfende Auswirkung auf die Rohstoff-Preise haben. Generell gibt es darauf aber keine pauschale Antwort: In einigen Bereichen wird es hitzebedingt sicher gerade bei der regionalen Beschaffung knapp, andere Erzeugnisse haben von der Hitze sogar profitiert. Außerdem sind Preisentwicklungen auch immer eine Frage der Verhandlung zwischen den einzelnen Stufen in der Wertschöpfungskette. Und: Die Rohstoffkosten haben einen unterschiedlichen Anteil an den Produktionskosten bei den einzelnen Produkten.

AgE: Die internationalen Handelsverflechtungen werden wiederholt an den Pranger gestellt. Die USA setzen Strafzölle auf Produkte, die Herkunftsländer reagieren mit Gegenzöllen. Auch die Exportorientierung der deutschen Ernährungswirtschaft steht immer wieder in der Kritik. Werden die Länder wieder zu Selbstversorgern?

Minhoff: Es scheint modern zu sein, die Errungenschaften des internationalen Handels anzuzweifeln und sich abschotten zu wollen. Es ist aber ein großen Irrtum zu glauben, dass es in der Summe für die Menschen gut ist, wenn jeder versucht, die Dinge allein zu regeln. Globalisierung hat weltweit zu Wohlstandsentwicklungen geführt. Auch das Erfolgsmodell Deutschlands basiert auf internationaler Arbeitsteilung und Export. Mehr noch: Der persönliche Wohlstand eines jeden in unserem Land basiert auf dem internationalen Handel. Daneben gibt es einen weiteren Garant für unseren Wohlstand. Das ist ein vereintes Europa. Wir dürfen es nicht einfach mit einem Achselzucken hinnehmen, wenn Länder die EU verlassen oder wenn einseitig internationale Verträge aufgekündigt werden. Trotz Brexit sollten Europa und Großbritannien zu vernünftigen Lösungen kommen. Es wäre fatal, wenn aus dem Brexit ein wirtschaftlicher Brexitus würde. Auch im Handelsstreit mit den USA hoffe ich, dass die Beteiligten noch zur Vernunft kommen. Eine Prognose scheint mir aber sehr schwierig. Jetzt sieht man, wie wichtig es gewesen wäre, ein verhandeltes, unterschriebenes und ratifiziertes Abkommen mit den USA zu haben. Umso erstaunlicher finde ich, das die Kritiker des geplanten Transatlantischen Handels- und Investitionspartnerschaft (TTIP) derzeit so laut schweigen. Wo sind denn die verkleideten Chlorhühnchen-Demonstranten geblieben, deren Geschäft nun Trump besorgt?

AgE: Wie wollen sie als Wirtschaftsbranche agieren?

Minhoff: Wir brauchen nicht nur mehr Verständnis, wir brauchen vor allem mehr Bekenntnis. Die Europäische Union, der Handel und ein Austausch mit der Welt sind für uns überlebenswichtig. Da geht es nicht um Banalitäten! Da sind Politik und Wirtschaft gleichermaßen gefordert. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und andere Spitzenverbände in Deutschland erklären sich hier ja immer wieder. Aber das allein reicht nicht. Auch Unternehmer, Geschäftsführer und Mitarbeitervertreter müssen sich ihrer Verantwortung bewusst sein. Die Politik kann dies allein nicht leisten. Die Wirtschaftslenker vor Ort müssen den Mitarbeitern in ihren Betrieben klar machen: Es geht um Deinen Wohlstand und um den Wohlstand Deiner Familien und Kinder! Wir als BVE werden weiter für eine funktionierende EU eintreten. Im nächsten Jahr finden die Wahlen für das Europäische Parlament statt. Es ist eine ebenso kuriose wie erschreckende Vorstellung, dass es dann vielleicht mehrheitlich Abgeordnete in Brüssel gibt, die das vereinte Europa eigentlich abschaffen wollen. Wir müssen uns laut positionieren: Überlasst Europa nicht den politischen Geisterfahrern!

AgE: Wenn der Weg in die USA verbaut ist, wird der asiatische Markt zum Allheilmittel für die deutsche Lebensmittelwirtschaft?

Minhoff: In Asien sehe ich große Potentiale, aber auch Hürden, die es zu überwinden gilt. Ohne politische Unterstützung und Freihandelsabkommen wird es wohl nur internationalen Großunternehmen gelingen, sich mit nichttarifären Handelshemmnissen zu arrangieren. Hier wird es jedoch paradox: Die Freihandelskritiker fürchten vor allem den steigenden Einfluss dieser Wirtschaftsteilnehmer. Dabei würde ein Freihandelsabkommen den Zugang gerade für die nationalen kleinen- und mittelständischen Betrieben öffnen, die ganz nebenbei den Großteil der deutschen Lebensmittelwirtschaft ausmachen. Bei der ganzen Diskussion zum internationalen Handel dürfen wir aber nicht vergessen, dass der Hauptabsatz der deutschen Produkte weiter in den EU-Binnenmarkt geht. Deshalb: Europa first!

AgE: Derzeit wird intensiv über die steigenden Plastikaufkommen beim Abfall diskutiert. Dabei werden auch die Lebensmittelindustrie und der Handel in die Verantwortung genommen. Die EU-Kommission hat angekündigt, die Verwendung von Einwegkunststoffprodukten wie Plastikgeschirr und Strohhalme einschränken. Halten sie den Ansatz für übertrieben?

Minhoff: Man kann sicherlich auch bei den Verpackungen weiter optimieren, muss aber auch immer die Relation sehen und darf vor allem nicht die Funktionalität von Verpackungen aus den Augen verlieren. In Deutschland werden Plastikverpackungen fast vollständig verwertet. Der immer gerne zitierte Plastik-Strohhalm sorgt jedenfalls nicht für die Hauptmenge des Plastikmülls in den Meeren. Hier müssen andere Hauptverursacher angesprochen werden. Viele Kunststoffverpackungen wurden und werden zudem aufgrund politischer Vorgaben entwickelt, beispielsweise um eine stärkere räumliche Abgrenzung von Bio- und konventionellem Obst und Gemüse in Supermärkten zu erreichen. Auch die Wirtschaft hat innovative Verpackungen entwickelt, um Produkte etwa vor einem Eintrag von Mineralölrückständen aus recycltem Karton zu schützen. Mich wundert, dass diese Zielkonflikte in der Diskussion kaum benannt werden. Die Politik muss deutlich machen, welche Ziele für sie wichtiger sind.

AgE: Nicht nur beim Handel und den Verpackungen ist die Lebensmittelwirtschaft anhaltender Kritik ausgesetzt. Gibt es Strategien und neue Ansätze, aus den Grabenkämpfen rauszukommen?

Minhoff: Ja, die gibt es! Kommunikation ist ein wichtiges Standbein der Branche geworden! Hier sind wir mittlerweile fast so kreativ wie in der Produktentwicklung! Grabenkämpfe gibt es schon lange nicht mehr, weil sich die Unternehmen der deutschen Lebensmittelwirtschaft bei Kritik nicht mehr in Gräben wegducken. Die Branche ist inzwischen geübt und bereit, in die öffentliche Diskussion zu gehen. Dort wo unserer Stimme nicht ausreichend gehört wird, schaffen wir selber Öffentlichkeit. Auch die alten framing-Strategien, uns mit Begriffen wie Lobbyismus abzustempeln, laufen zunehmend ins Leere. Immer mehr Journalisten haben verstanden, dass auch Nichtregierungsorganisationen (NGO’s) nichts anderes als Lobbyistenverbände sind. Es spricht sich herum, dass sogenannte NGOs nicht nur massenhaft Staatsknete abzocken, sondern als Anders-Lobbyisten lediglich ihre eigenen Interessen verfolgen und nicht das Allgemeinwohl! Dennoch erreichen viele Kampagnen ihr Ziel, die Menschen zu verunsichern und fehlzuleiten.

AgE: Was für Auswirkungen hat das für die einzelnen Betriebe?

Minhoff: Es hat sich etwas verschoben: NGOs fordern von Unternehmen nicht mehr nur, dass deren Produkte den gesetzlichen Normen entsprechen. NGOs reicht es nicht, wenn Unternehmen sich an die Vorschriften des Werberates halten oder auf Einschätzungen des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) zur Unbedenklichkeit von Fremdstoffen vertrauen. Das alles nutzt einem Unternehmen nichts, wenn es einer interessengeleiteten NGO-Kampagne ausgesetzt ist. Das halte ich sogar demokratietheoretisch für ein Problem. Für die Willensbildung und Normsetzung sind in der parlamentarischen Demokratie der Bundestag, die Landtage, die EU-Kommission und das EU-Parlament zuständig und nicht eine kleine Gruppe von Lobbyisten, die sich als NGO tarnen.

AgE: Wie wollen Sie da rauskommen?

Minhoff: Letztendlich ermuntern wir Journalisten und Medien immer wieder, stärker ihre Filterfunktion wahrzunehmen und nicht nur uns kritisch zu hinterfragen, sondern auch unsere Kritiker. Wir haben sogar Versuche unternommen, an Journalistenschulen zu gehen und dort uns und unsere Branche zu erklären - allerdings noch ohne Erfolg, da unerwünscht! Lobby-Organisationen wie foodwatch halten dort dagegen ohne Probleme ihre gefärbten Seminare vor dem journalistischen Nachwuchs ab. Diese Einseitigkeit muss ein Ende haben, darauf werden wir verschärft drängen. Außerdem haben wir gelernt, wenn wir ungefiltert gehört werden wollen, müssen wir selbst aktiv werden. Ein Beispiel unter vielen: In Zusammenarbeit mit dem Cicero haben wir das Gesprächsformat Küchenkabinett entwickelt, bei der wir mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft bei einem guten Essen über Persönliches, Programmatisches, Politisches und auch Branchenrelevantes diskutieren. Das kommt bestens an. Die Zeiten, in der Journalisten allein entschieden haben, was durch den Medienflaschenhals an die Menschen gelangt, sind vorbei!

AgE: Ein weiterer Kritikpunkt ist der Zucker-, Salz und Fettgehalt von verarbeiteten Produkten. Im Koalitionsvertrag wurde eine Nationale Reduktionsstrategie angekündigt. Reichen die bisherigen Bemühungen der Branche nicht aus?

Minhoff: Ja und nein! Man kann uns nicht vorwerfen, dass wir nicht unglaublich kreativ wären und waren. Da ist in den letzten Jahren ja schon extrem viel passiert. Es gibt auch kaum eine Branche, die so schnell auf den Markt reagiert, wie wir. Jeder neue Trend findet sich sofort im Angebot wieder. Die Innovationsstrategie, zu der sich gerade Politik und Branche verpflichtet haben, ist ein Baustein von vielen, um eine ausgewogene, gesundheitsfördernde Ernährung leichter zu machen. Die Menschen wollen überzeugt und nicht plump eingeschränkt werden, wenn es um ihre Ernährung und Gesundheit, aber auch um Lebensfreude und Genuss geht. Die Politik vertraut hier auf unternehmerisches Verantwortungsbewusstsein und unternehmerische Freiheit! Dafür benötigen wir auch verlässliche wissenschaftliche Begleitung und Begründung. Wir müssen uns zudem im Klaren darüber sein, das es viele Aspekte gibt, die zu Übergewicht und Fettleibigkeit führen können. Da sind alle gefordert, nicht nur eine Branche. Aber auch da bin ich zuversichtlich, breite gesellschaftliche Lösungen zu finden.

Das Interview ist erstmals erschienen in Agra-Europe 41/2018 am 8. Oktober 2018.

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