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Außenwirtschaftsseminar

„Ich bin von einem Deutschen zu einem Europäer mit deutschen Wurzeln geworden.“

02.05.2019
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Europa braucht Helden: Auch in Traditionsunternehmen ist man sich dessen bewusst. Dank zahlreicher Reisen und dem Austausch mit europäischen Kollegen fühlt Peter Weishaupt, Leiter für den Export bei Rabenhorst, sich sowohl privat als auch geschäftlich stark mit der Europäischen Union verbunden. Im Interview führt er uns vor Augen, welche Vorteile aus der europäischen Gemeinschaft erwachsen und warum wir alle die EU stärken sollten.

BVE: Als Leiter der Exportgeschäfte bei Rabenhorst haben Sie viel mit dem Ausland zu tun. Inwieweit erleichtert die Zugehörigkeit zur Europäischen Union Ihre Arbeit? Welche Aspekte schätzen Sie an der EU am meisten?

Peter Weishaupt: Bei Rabenhorst pflegen wir zum Teil langjährige und treue Beziehungen mit Geschäftspartnern aus fast allen EU-Binnenmärkten. Neben unserem Heimatmarkt Deutschland liegt ein Schwerpunkt unseres „Exportgeschäftes“ auf der Bearbeitung der EU-Märkte - wenn man beim Warenverkehr im EU-Binnenmarkt überhaupt von Exporten sprechen möchte: Die Zugehörigkeit zur EU bedeutet nämlich zu allererst freien und unbeschränkten Waren- und Zahlungsverkehr. Seit der Einführung des Binnenmarktes hat dies erhebliche Erleichterungen geschaffen, indem Zölle und sonstige Ein- und Ausfuhrbeschränkungen der Vergangenheit angehören und so Geschäfte innerhalb der Union quasi mit Inlandgeschäften gleichzusetzen sind.
Darüber hinaus benötigen wir im globalen Kontext eine starke, gemeinsam agierende EU, um im zukünftigen internationalen Wettbewerb – vor allem mit den USA und China – eine weiterhin bedeutende Rolle zu spielen. Denn genau diese Rolle spielt die EU als stärkster einheitlicher Binnenmarkt der Welt. Wir dürfen nicht vergessen, dass die EU durch gemeinsame Standards und Werte die demokratischen Verhältnisse in den Mitgliedsstaaten schützt und zum Beispiel auch in der Umweltpolitik global wichtige Akzente setzen kann und muss. Nicht zuletzt: Einer der größten Verdienste der EU ist zweifellos die Vermeidung von zwischenstaatlichen Konflikten und die Aufrechterhaltung eines dauerhaften Friedens innerhalb Europas. Ein solcher Frieden ist keinesfalls als Selbstverständlichkeit anzusehen.

BVE: Welche Einflüsse der EU können Sie bei sich selbst und Ihren Kollegen feststellen? Wie bewerten Sie diese?

Peter Weishaupt: Bereits Ende der 80er Jahre bin ich in den Genuss gekommen, am größten EU-Austauschprogramm für Studenten – Erasmus – teilzunehmen. Ein Studienjahr in Spaniens Hauptstadt, Madrid, und in der Folge viele Reisen, Kontakte und den Aufbau und die Pflege von Freundschaften in vielen Ländern der Union haben mich verändert. Ich bin von einem Deutschen zu einem Europäer mit deutschen Wurzeln geworden. Wenn meine Kollegen und ich heute privat oder geschäftlich in Europa reisen, erinnern wir uns nur noch selten an die Zeit, in der wir Reisegeld in verschiedene Währungen tauschen oder teilweise lange Aufenthalte an den Grenzen in Kauf nehmen mussten. Heute passieren wir wie selbstverständlich Landesgrenzen, ohne es zu wirklich zu merken. Außerdem bereitet uns das Bezahlen in den meisten Staaten der EU kaum noch Kopfzerbrechen. Statt lästig Währungen umrechnen zu müssen, zahlen wir einfach in EURO.
Wir profitieren heute auch von einem umfassenderen Warenangebot mit günstigeren Preisen und garantierten Qualitäts- und Umweltstandards. Nur selten aber wird die EU mit einer nachhaltigen Verbesserung von Verbraucherrechten in Verbindung gebracht, etwa der DSGVO oder der Abschaffung der Roaming-Gebühren. Auch das sind erhebliche Einflüsse auf uns als Verbraucher und Mitarbeiter von Rabenhorst.

BVE: Rabenhorst ist ein Traditionsunternehmen, das für viele die „gute, alte Zeit“ verkörpert. Obwohl die EU seit über 60 Jahren Teil der deutschen Geschichte ist und in besonderem Maße den Wohlstand in Deutschland gesteigert hat, wird sie hingegen als Inbegriff aller Probleme der heutigen Zeit immer häufiger verteufelt. Was möchten Sie Kritikern der EU entgegnen? Warum profitieren gerade auch Traditionsunternehmen von ihr?

Peter Weishaupt: Jeder europäische Staat und jedes agierende Unternehmen, ob groß oder klein, profitiert von der Zugehörigkeit zum größten einheitlichen Binnenmarkt der Welt. So ist für uns die Zahl der Handelspartner in den Ländern der Union stetig gewachsen und wir fühlen uns verbunden. Durch die zunehmenden Reisetätigkeiten und -erleichterungen seit Inkrafttreten des Schengener Abkommens 1985 für den Personen- und Warenverkehr sind auch immer mehr EU-Bürger und -Unternehmer durch Reisen nach Deutschland und innerhalb der EU auf unsere Produkte aufmerksam geworden. Auch hieraus hat sich später die eine oder andere langfristige und verlässliche Geschäftsbeziehung entwickelt. Gerade kleineren Unternehmen, die nicht über die Organisationsstruktur und das export- und zollspezifische Know-how von internationalen Großunternehmen verfügen, hat der Binnenhandel durch das Wegfallen von Grenzen und Zöllen den Warenverkehr und die Abwicklung von innergemeinschaftlichen Geschäften erheblich vereinfacht. Für die weitere Geschäftsentwicklung über die EU hinaus nutzen wir in diesem Jahr zum zweiten Mal das sogenannte EU-Gateway-Programm, ein Wirtschaftsförderungsprogramm, das seit 1990 Partnerschaften und Geschäftsanbahnungen zwischen europäischen und asiatischen Unternehmen fördert. So hoffen wir, Rabenhorst und Rotbäckchen innerhalb der EU und auch in wachsenden asiatischen Märkten mit EU-Hilfe weiter zu entwickeln.

BVE: Die EU zeichnet sich durch ihre kulturelle Vielfalt, offene Grenzen und gemeinsame Lösungen für gemeinsame Probleme aus. Inwieweit kann sich das Potenzial der EU aus Ihrer Sicht voll entfalten? Und was kann getan werden, um die Möglichkeiten der EU zu stärken? Wo müssten eventuell Änderungen vorgenommen werden?

Peter Weishaupt: Ja, in der Tat ist die kulturelle Vielfalt, sind offenen Grenzen und die aufgebauten Beziehungen und Freundschaften eine riesen Chance für die Lösung der vielschichtigen europäischen Themen der Zukunft. Allerdings fehlt es leider in Europa an einer gemeinsamen Sprache der Mitgliedsstaaten und damit an einer Öffentlichkeit. Egoismen und nationale Interessen scheinen oft zu dominieren. In der Kritik stehen auch oft die ausufernde Bürokratie und zu starke Regulierungsprozesse, die flexibles wirtschaftliches Handeln erschweren. Dennoch und bei aller Kritik: der Grad supranationaler Integration, den die EU erreicht hat, ist einmalig in der Welt. Die anhaltende Populismus-Welle muss eingedämmt und rein nationale Interessen müssen nachgestellt werden. Und: wir Europäer müssen uns zu einem gemeinsamen Europa bekennen und die Chancen erkennen, die aus einem starken Europa entstehen. Aus diesem Grund könnten die bevorstehenden Wahlen zu einer Richtungswahl über die Zukunft des europäischen Parlaments werden – und hoffentlich zu einem klaren Bekenntnis zu Europa.

BVE: Vielen Dank für das Interview!