Inhalt
Eine Lanze brechen für die Branche
HDE und BVE starten Kommunikationsoffensive – Leistungen der Ernährungswirtschaft besser darstellen
29.02.2008, Köln
Angesichts des Misstrauens in Politik und Medien gegen die Ernährungswirtschaft wollen die Branchenverbände HDE und BVE mit dem Unternehmertag Lebensmittel eine Kommunikationsoffensive zur Imageverbesserung einleiten.
Industrie wie Handel sehen sich derzeit unter verschärfter wettbewerbsrechtlicher Beobachtung. Die jüngste Initiative des EU-Parlaments gegen die angebliche Macht der
großen Handelskonzerne wertet Josef Sanktjohanser, Präsident des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE) als Musterbeispiel für unberechtigte Stimmungsmache. Namentlich der deutsche Markenverband schüre Ängste vor der Nachfragemacht des Handels. Dabei sei die Machtverteilung keinesfalls einseitig: „Es gibt Hersteller, die führen uns brutal vor“, stellt der Handelslobbyist seine Wahrnehmung der Branchen klar.
Den Einwand des Vorsitzenden der
Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen Abraham, dass 90 Prozent der Hersteller als Mittelständler keine Chance haben, mit dem Handel auch nur auf Augenhöhe zu verhandeln, lässt Sanktjohanser allerdings nicht gelten. Rewe und viele andere deutschen Handelsunternehmen legten großen Wert auf mittelständische und regionale Anbieter.
Beide Verbandschefs begrüßen eine strikte Wettbewerbskontrolle und attestieren insbesondere dem deutschen Kartellamt eine hohe Sensibilität. Sie wenden sich aber gegen Versuche, das Amt politisch zu instrumentalisieren. Kritisch sehen beide die wachsende Bereitschaft der Politik, die Selbstregulierung der Zivilgesellschaft durch gesetzliche Eingriffe zu ersetzen. Der Handel sei ein liberaler Verein, Meinungsunterschiede sollten im Dialog der Branchen ausgetragen werden und nicht durch den Ruf nach dem Gesetzgeber, fordert Sanktjohanser. Gemeinsam trage man sowohl Verantwortung für niedrige Preise als auch für auskömmliche Margen.
Abraham betont für die Herstellerseite, dass zwischen notwendigen Gesprächen und Abstimmungen innerhalb einer Branche und kartellrechtlich bedenklichen Tatbeständen nur ein schmaler Grat bestehe. Gerade beim aktuellen Preisthema sei aber hinreichend klar, dass die Rohstoffpreise sich auf den Weltmärkten nach oben entwickelt haben. Er erinnert an die Tradition zwischen Industrie und Handel, solche Rohstoffverteuerungen als Argument für Preiserhöhungen anzuerkennen. Diese Tradition stellt Sanktjohanser nicht in Frage, warnt aber vor unzulässigen Versuchen nicht oder kaum betroffener Hersteller, sich an das Thema anzuhängen.
Unter verschärfter Beobachtung sieht sich die deutsche Ernährungswirtschaft durch viele selbsternannte Verbraucherschützer. So wichtig die gesellschaftliche Rolle solcher Organisationen sei, so unredlich seien aber auch viele überzogene Darstellungen. Gemeinsam, so Abraham und Sanktjohanser, wollen die Verbände eine „Entwicklung einleiten, damit die Öffentlichkeit die außerordentliche Leistung der Branche besser wahrnimmt“.
Die deutsche Ernährungsindustrie habe nicht nur 80 Millionen deutsche Kunden, sondern auch 40 Millionen im Ausland, belegt Abraham die führende Stellung im Export. Das sei nur möglich aufgrund der hohen Qualität- und Sicherheitsstandards. Außerdem liefern die deutschen Betriebe pünktlich, wagt Abraham einen Vergleich mit europäischen Wettbewerbern.
In Sachen Hygiene und Pestizidreduzierung sei man in Europa führend, ergänzt Sanktjohanser. Damit könne man in Brüssel sogar Vorreiter spielen. Stattdessen werde man in Deutschland zu Unrecht häufig an den Pranger gestellt. Aber mit differenzierten Erklärungen kämen Vertreter der Branche in der Öffentlichkeit kaum durch. Zusammen mit dem Bauernverband, der Organisation QS und der CMA wolle man das Ansehen der Branche nachhaltig verbessern. Anstöße zu diesem Projekt soll der Unternehmertag Lebensmittel in der kommenden Woche geben.
Auch mit der Wahrnehmung der Branche in der Politik zeigen sich die Repräsentanten der Branche noch unzufrieden. Man konstatiere eine „permanente Lust am verschärfen von Gesetzen“, formuliert Sanktjohanser. Von der Ampellösung über das Berufsgenossenschaftswesen, vom Antidiskriminierungsgesetz bis zum Mindestlohn. Gerade dort sei es wichtig, die Errungenschaft der Tarifautonomie, die in beiden Lagern angegriffen ist, nicht weiter zu beschädigen. Die Einmischung der Politik kostet letztlich auch Geld, das auf die Verbraucher umgelegt werde.
Dabei müsse es doch darum gehen, „den Leuten mehr Geld in der Tasche zu lassen“, fordert Abraham eine Steuerreform ein, die den Konsum ankurbelt. Vor allem die große Zahl der mittleren Einkommensbezieher müsste von Steuern und Abgaben entlastet werden.
(Quelle: Gespräch der Lebensmittel-Zeitung mit Josef Sanktjohanser, HDE und Jürgen Abraham, BVE. LZ Nr. 9, 29. Februar 2008, S. 6)